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Mineralöl-Sicherungsplan
Hintergründe, Decknamen, Standorte

In den Jahren 1942/43 erreichte die deutsche Mineralölindustrie ihre größte Jahresproduktion an Flugbenzin und Motorentreibstoffen. Der Bedarf der Luftwaffe konnte trotzdem nicht gedeckt werden; die lieferbare Qualität blieb hinter den Kraftstoffen der Alliierten zurück. Ein forciertes Rüstungsprogramm für Waffen, Munition und Panzer, das ab Februar 1942 durch den Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Albert Speer, initiiert wurde, vernachlässigte zudem den erforderlichen Ausbau der synthetischen Treibstofferzeugung.
Am 12.05.1944 fand ein massiver Angriff amerikanische Bomber auf die Hydrierwerke in Leuna, Böhlen, Zeitz, Lützkendorf und Brüx statt, der zu einem Produktionausfall von ca. 570 000 t Treibstoff führte. Im Rüstungsministerium erkannte man die Gefahr für die deutsche Kriegswirtschaft. Eine Krisensitzung am 22./23. Mai brachte keine realisierbaren Vorschläge für den direkten Schutz der Mineralölwerke, erstmals dachte man jedoch über eine Dezentralisierung und Verlagerung unter Tage nach.

Am 30.05.1944 wurde der Leiter des Hauptausschusses Munition im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion, Edmund Geilenberg, zum "Generalkommissar für Sofortmaßnahmen beim Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion" ernannt. Bis Ende Juni 1944 erarbeitete er, ausgestattet mit umfangreichen Vollmachten, zusammen mit Carl Krauch (Generalbevollmächtigter für Sonderfragen der chemischen Erzeugung) einen Maßnahmeplan, mit dem der kriegsbedingte Produktionseinbruch in der deutschen Mineralölindustrie kompensiert werden sollte. Das Papier sah eine Vielzahl von Anlagen, vor allem zur Herstellung dringend benötigter Treib- und Schmierstoffe für Luftwaffe, Heer und Kriegsmarine vor. Vorgelegt wurde es am 01.08.1944 als "Mineralöl-Sicherungsplan" (später auch als "Geilenberg-Programm" bezeichnet). Handlungsbedarf war dringend gegeben: zwischen März und Juni 1944 sank aufgrund alliierter Luftangriffe die Flugbenzinerzeugung von 5800 auf 623 Tagestonnen. Im Sommer 1944 tendierte die Produktion der Hydrierwerke gegen Null.
Kriegsbedingt wurde die "Mineralöl-Baugesellschaft m.b.H.", die vormalige Baudirektion der BRABAG, vom Geschäftssitz Berlin in die Luckenwalder Hindenburg-Schule verlagert. Von dort aus betreute sie - zusammen mit den im September 1944 gebildeten Einsatzgruppen der "Organisation Todt" - zahlreiche Verlagerungsprojekte des Mineralöl-Sicherungsplanes im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten. Anfang November 1944 wurden angesichts der Kriegslage nur noch 12 Projekte priorisiert.

Aufgrund der Verarbeitung von Rohöl, das ausschließlich in Kesselwagen transportiert wurde, war für die meisten Anlagen ein Zugang zum Streckennetz der Deutschen Reichsbahn unverzichtbar. Dieser erfolgte über vorhandene Industrieanschlüsse bzw. wurden Gleisneubauten projektiert. Eine weitere Bedingung war die Brauchwasserbereitstellung mit bis zu 1000 m3 pro Stunde. Standorte an Bächen und Flüssen konnten diesen Bedarf decken, anderenorts musste das Wasser über kilometerlange Rohrleitungen herangeführt werden.
Die wenigen bis zum Baustopp im April 1945 noch fertiggestellten oberirdischen Destillationsanlagen erreichten nicht mehr die geplanten Kapazitäten, da die Bereitstellung von Rohöl zunehmend schwieriger wurde. Die dort produzierten Kraftstoffe blieben für den Kriegsverlauf bedeutungslos.





BIBER
  • Standort:
  • Anzahl: 5
  • Verfahren:
  • Produkte: Furfural
  • Besonderheiten:

DACHS
  • Standort: unter- oder oberirdisch
  • Anzahl: 9
  • Verfahren: Verarbeitung von Rückständen der Erdöldestillation
  • Produkte: Schmieröl
  • Besonderheiten: meist in Verbindung mit Anlage Ofen

FASAN
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 2
  • Verfahren: Benzol-Alkylierung
  • Produkte: Kybol (Antiklopfmittel für Flugzeugbenzin)
  • Besonderheiten:

FRITZ
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 1
  • Verfahren: Entparaffinierung von Schmieröl
  • Produkte:
  • Besonderheiten:

ILTIS
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 3
  • Verfahren: Benzinveredlung
  • Produkte: Flugbenzin
  • Besonderheiten: in Verbindung mit Anlage Dachs oder Schwalbe

JAKOB
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 11
  • Verfahren: einfache Crack-Anlage
  • Produkte: Vergaserkraftstoff
  • Besonderheiten: in Verbindung mit Anlage Ofen
  • Bauten: Destillationskolonne, Dampferzeugung, 2 Betontanks (600 m3) für Rohöl, 2 Tanks (100 m3) für Diesel und Benzin, 4 Stahltanks (20 m3) für Fertigprodukte, Rückstandsbehälter

KARPFEN
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 10
  • Verfahren: Fischer-Tropsch-Anlage, Verarbeitung von Gas
  • Produkte: Vergaser- und Dieselkraftstoff
  • Besonderheiten: nahe städtischen Gaswerken

KLEIN SCHOLVEN
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 3
  • Verfahren: katalytische Crack-Anlage
  • Produkte: Flugbenzin
  • Besonderheiten:

KRANICH
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 1
  • Verfahren: Dehydrieranlage
  • Produkte: Flugbenzin
  • Besonderheiten: in Verbindung mit Anlage Schwalbe

KREBS
  • Standort: unterirdisch
  • Anzahl: 2
  • Verfahren: Fischer-Tropsch-Anlage
  • Produkte:
  • Besonderheiten:

KUCKUCK
  • Standort: unterirdisch
  • Anzahl: 2
  • Verfahren: Dehydrieranlage (Isooctan- und Polymerisationsanlage)
  • Produkte: Flugbenzin
  • Besonderheiten:

KUGELOFEN
  • Standort: oberirdisch (Pölitz, Gelsenberg, Scholven, Blechhammer)
  • Anzahl: 20
  • Verfahren: Crack-Anlage
  • Produkte: Vergaserkraftstoff
  • Besonderheiten: Technik aus Fabriken ausgelagert

KYBOL
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 2
  • Verfahren:
  • Produkte: Diethylbenzol (Antiklopfmittel für Flugzeugbenzin)
  • Besonderheiten: Technik aus Fabriken ausgelagert

LACHS
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 1
  • Verfahren:
  • Produkte: Isopropanol oder Kybol
  • Besonderheiten: in Verbindung mit Anlage Taube

LACK
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 9
  • Verfahren: Ligroin- oder Lackbenzinanlage
  • Produkte:
  • Besonderheiten:

MEISE
  • Standort:
  • Anzahl: 1
  • Verfahren: katalytische Crack-Anlage
  • Produkte:
  • Besonderheiten:

MOLCH
  • Standort: unter- oder oberirdisch
  • Anzahl: 6
  • Verfahren: Roh-Bi-Ö-/Roh-Di-Öl-Anlage auf Braunkohlenteerbasis
  • Produkte: Dieselkraftstoff
  • Besonderheiten:

OFEN
  • Standort: unter- oder oberirdisch
  • Anzahl: 41 (paarweise)
  • Verfahren: Destillieranlage auf Erdölbasis (Prototyp 1942/43 durch Fa. Heckmann für Kaukasus-Einsatz entwickelt [5])
  • Produkte: Vergaser- und Dieselkraftstoff
  • Besonderheiten: Verarbeitung der Rückstände in Anlagen Dachs, Schwalbe oder Taube
  • Bauten: 2 Destillationskolonnen, Rückstandskühler, Dampferzeugung, Trafostation, 2 Betontanks (600 m3) für Rohöl,
    2 Betontanks (600 m3) oder Gruben für Rückstände, 4-6 Stahltanks (80 m3) für Fertigprodukte, Luftschutzstollen

RABE
  • Standort: unterirdisch
  • Anzahl: 1
  • Verfahren:
  • Produkte: Tetraethylblei (Antiklopfmittel)
  • Besonderheiten:

ROST
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 6
  • Verfahren: Sammel-Destillieranlage
  • Produkte: Vergaserkraftstoff
  • Besonderheiten: in Fabrikruinen

SCHWALBE
  • Standort: unterirdisch
  • Anzahl: 8
  • Verfahren: Dehydrieranlage auf Basis von Stein- und Braunkohlenteer
  • Produkte: Flugbenzin
  • Besonderheiten:

SPERBER
  • Standort:
  • Anzahl: 2 (?)
  • Verfahren:
  • Produkte:
  • Besonderheiten:

STEINBOCK
  • Standort: unterirdisch
  • Anzahl: 2
  • Verfahren:
  • Produkte: Schmieröl
  • Besonderheiten:

TAUBE
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 2
  • Verfahren: Crack-Anlage auf Erdölbasis
  • Produkte: Vergaser- und Dieselkraftstoff
  • Besonderheiten: Technik aus Fabriken ausgelagert, in Verbindung mit Anlage Ofen

WÜSTE
  • Standort: oberirdisch
  • Anzahl: 15
  • Verfahren: Ölschieferverschwelung
  • Produkte: Dieselkraftstoff
  • Besonderheiten:

Standorte [3][4]

Quellen

[1] Wichert: "Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des zweiten Weltkrieges", Verlag Schulte, Marsberg 1993
[2] CIOS File No. XXXII-94: "Description of german underground plants"
[3] USSBS: "Underground and dispersal plants in Greater Germany", Januar 1947
[4] USSBS: "Strategic air attack on the German oil industry, Appendix B", Januar 1947
[5] Karlsch, Stokes: "Faktor Öl", Verlag C. H. Beck, München 2003